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Jesu Hingabe - Prädikant Bernd Gail, Nanzenbach

Liebe Gemeinde,

liebe Schwestern und Brüder in Eibach!

Sehr gerne hätte ich mit euch zusammen diesen Gottesdienst in eurer Kirche in Eibach gefeiert.

Nun sind wir herausgefordert neue Wege und andere Möglichkeiten zu finden, um uns durch Gottes Wort ermutigen und stärken zu lassen.

Das geht auch durch Facebook, Internet, Radio oder Fernsehen.

Deswegen habe ich die Predigt für den Sonntag „Judika“ gerne zur Verfügung gestellt, damit sie wenigstens gelesen werden kann.

Natürlich ersetzt das nicht das persönliche Empfinden und die Gemeinschaft im realen Gottesdienst. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass Gott durch seinen Geist auch auf diesem Weg mitten unter uns ist und uns mit seinem Segen beschenkt.

Deshalb wünsche ich allen auf diesem Weg einen „gesegneten Sonntag“!

Segensspruch:

„Gott gebe dir ein starkes Herz und einen festen Glauben. ER gebe dir Geduld, Gelassenheit und Weisheit in allem, was du tust!

Gott segne dich mit seinem Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit!

Gott schenke dir eine starke Gemeinschaft, die dich trägt, helfende Menschen, die dich unterstützen und einen klaren Blick in allem, was du tust!

So segne dich der dreieinige Gott: Vater, Sohn und Heiliger Geist!“

Amen

 

„Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus!“

„Draußen vor dem Tor“ – Hebräer 13, Verse 12-14

Einleitung

Vor mehr als 70 Jahren schrieb der junge deutsche Schriftsteller Wolfangang Borchert ein erschütterndes, aufrüttelndes Drama „Draußen vor der Tür“.

Wolfgang Borchert, selbst Kriegsteilnehmer und schwerkrank, schildert in diesem Werk, das jahrzehntelang in unseren Schulen zur Pflichtlektüre gehörte, die Heimkehr des Kriegsveteranen Beckmann in seine Heimatstadt Hamburg.

In düsteren Bildern wird erzählt, wie dieser Beckmann in der Hoffnung auf Heimat, Liebe und Geborgenheit nacheinander Menschen besucht, von denen er Hilfe und Verständnis erwartet; wenigstens Mitleid.

Seine Ehefrau trifft er mit einem neuen Mann an und selbst sein eigenes Kind, welches er noch nie gesehen hat, lehnt ihn ab.

Fluchtartig verlässt er diese Wohnung.

Er besucht seinen Oberst und erhofft sich, dass er diesem die Verantwortung für 20 Soldaten, an deren Tod er sich schuldig fühlt, zurückgeben kann. Der Oberst macht sich lustig über ihn und zeigt keinerlei Verständnis für sein Problem.

Im Elternhaus erfährt er, dass sich Vater und Mutter aus Verzweiflung selbst das Leben genommen haben.

Einem Zirkusdirektor, bei dem er einen Job sucht, ist sein Auftreten zu bitter, zu hart und zu zynisch. Er wirft ihn raus.

Nach all diesen Enttäuschungen bricht er völlig verzweifelt auf der Straße zusammen.

Alle, wirklich alle, gehen achtlos an ihm vorbei ohne ihm zu helfen.

Anklagend wendet er sich am Ende an Gott und fragt nach einer Antwort. Doch Gott antwortet nicht!

Verzweifelt und allein bleibt hier ein Mensch am Ende „Draußen vor der Tür“ auf der Straße liegen.

Warum erzähle ich als Einleitung im Zeitraffer diese niederschmetternde, düstere und traurige Geschichte des Dramas von Wolfgang Borchert?

Ganz sicher nicht, um uns heute, am Sonntag Judika, den „Spiegel“ vorzuhalten und zu sagen: „Seht her: So sind die Menschen! Herzlos und kalt!“

Dieses Erinnern an ein Nachkriegsdrama ist die Brücke zu einem ermutigenden und hoffnungsvollen Text aus dem Hebräerbrief, zu unserem Predigttext:

Hebräer 13, Verse 12 – 14

12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.

13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.

14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

Der Verfasser des Briefes biegt mit seinen Anliegen an die Christen im 1. Jahrhundert „auf die Zielgerade“ ein. In dem letzten Abschnitt fasst er noch einmal wichtige Glaubensgrundlagen für die ehemals jüdischen Gläubigen zusammen.

Die abschließenden Ermahnungen und Erklärungen dürfen uns heute helfen, die persönliche Jesus-Nachfolge zu prüfen und mutig zu leben.

Aus den 3 Versen des Textes habe ich 3 Aussagen formuliert, die zum gemeinsamen Nachdenken anregen:

1.     Jesus hat gelitten – draußen vor dem Tor

2.     Jesus ist auch heute draußen bei den Menschen

3.     Zukunft finden wir nur bei Jesus

Jesus hat gelitten – draußen vor dem Tor

Alle Jahre wieder Passionszeit!

Es ist doch Frühling. Das Leben erwacht und wir können es kaum erwarten länger draußen zu sein, die wärmende Sonne zu genießen und uns an der erwachenden Natur zu erfreuen.

Ist es nicht geradezu kontraproduktiv, wenn wir Christen in dieser Zeit daran erinnern, dass unser Herr Jesus Christus einen schweren, blutigen und erniedrigenden Leidensweg gegangen ist?

Dieser Weg endet ausgerechnet auch noch mit dem grausamen Tod an dem schlimmsten Foltergerät der Römer, am Kreuz.

Die Passionszeit konfrontiert uns immer – auch in diesem Jahr wieder – mit den Schattenseiten des Lebens.

Die Schattenseiten des Lebens mit Schuld und Leid, mit Ungehorsam und Fehlern kannten auch die Menschen im Volk Israel.

Gott eröffnete ihnen mit dem „großen Versöhnungstag“ (Jom Kippur) einen Ausweg. An diesem hohen jüdischen Feiertag wird alle Schuld und Sünde des Volkes stellvertretend durch Handauflegung auf einen „Sündenbock“ übertragen. Dieser Sündenbock wird anschließend in die Wüste getrieben. Draußen vor dem Tor, vor der heiligen Stadt Jerusalem, muss er in der Wüste elend verrecken.

Das ist das Bild, welches uns hier unverblümt und hässlich von Jesus gezeigt wird. Gott bestimmt seinen Sohn zum Sündenbock. Es gibt keinen anderen Weg, keinen Plan B, um Gottes Gerechtigkeit zu erfüllen.

Dazu gehört auch die schmerzliche Ausgrenzung, dass Jesus, der Sündenbock und gleichzeitig das Lamm Gottes, außerhalb jeder Zivilisation brutal uns einsam sterben musste.

Golgatha war zu dieser Zeit die Müllkippe Jerusalems. Dieser kleine Hügel war dem Dreck und dem stinkenden Abfall bestimmt. Diese Tatsache machten sich die Machthaber zu Nutze, um dort die Verbrecher hinzurichten. Im doppelten Sinne machten sie damit klar: Wer hier hingerichtet wird, hat in der menschlichen Gesellschaft nichts mehr verloren.

Es scheint sogar so, dass Gott schweigt!

Jesus ist „draußen bei den Menschen“

In Jerusalem ging das pulsierende Leben weiter. Hier draußen, vor den prächtigen Stadttoren, entschied sich das Schicksal der Welt.

Wer war denn dabei, draußen vor dem Tor?

Maria – seine Mutter. Welche Schmerzen sie gelitten hat, wie viele Tränen ihr übers Gesicht liefen kann nur jemand ermessen, der ähnliches erlebt und durchlitten hat.

Johannes, sein engster und vertrauter Jünger, der noch mit den letzten Worten Jesu den Auftrag bekommt, sich um Maria zu kümmern.

Eine Hand voll Frauen aus dem Freundeskreis, die sich nicht vor den zu erwartenden Nachteilen ihrer Freundschaft zu Jesus fürchteten.

Kriegsknechte(Soldaten), die ihr brutales Handwerk professionell, herzlos, emotionslos und gekonnt durchzogen. Mit ihnen wollte niemand etwas zu tun haben. Sie lebten am Rand der Gesellschaft.

Wer lebt denn heute bei uns am „Rand der Gesellschaft“?

Die Aufzählung aller Randgruppen unserer Zeit würde sicher den Rahmen der Predigt sprengen.

Mir sind spontan Alte und Kranke vor Augen, die manchmal allzu schnell (hoffentlich gut versorgt) in entsprechenden Einrichtungen untergebracht werden. Diese Häuser sind selten in der Mitte unserer Dörfer und Städte, ehr außerhalb, manchmal weit draußen.

Flüchtlinge auf der ganzen Welt werden bewusst „draußen“ gehalten und für politische Machtspielchen missbraucht.

Jede Nachrichtensendung ist voll von Menschen, die in allen Gesellschaftsschichten verachtet, verhasst, missbraucht, gedemütigt und ausgestoßen werden.

Zunehmend gehören weltweit – auch bei uns – Christen zu denen, die „draußen sind“.

Bei all diesen Menschen ist Jesus!

Wenn wir ihm wirklich nachfolgen wollen – dazu fordert der Text uns ja unmissverständlich auf -, dann müssen wir auch „rausgehen“ aus unserer Komfortzone und dürfen uns nicht länger in unseren Kirchen und Gemeindehäusern verschanzen.

Zukunft ist nur bei Jesus

Zugegeben: Es ist manchmal angenehm und schön „drinnen“ im geschützten und kuscheligen Raum zu bleiben. Den hatte Jesus auch – bei seinem Vater im Himmel! Wenn er den nicht verlassen hätte, gäbe es für uns – für mich und für dich – keine Zukunft in Gottes neuer Welt.

Gott selbst hält diese Zukunft für uns bereit. Nicht ohne Grund wird dieser letzte Vers unseres Predigttextes oft bei Beerdigungen zitiert.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir halten Ausschau nach der Stadt der Zukunft!“ (das Buch)

Mit dieser Zukunftshoffnung, die ja am Ostermorgen eine ganz neue Dimension gewinnt, können wir auch in diesem Jahr die Passionszeit erleben und gestalten.

Gehen wir doch in diesem Jahr einen mutigen Weg von Drinnen nach Draußen.

Am nächsten Wochenende würde in dem Musical über Martin Luther King, das in der Rittal-Arena in Wetzlar aufgeführt werden sollte, daran erinnert, dass ein mutiger Nachfolger Jesu eben diesen Weg mit und für Menschen gegangen ist, die „draußen“ waren.

M.L. King hatte einen einmaligen Traum von der neuen Welt Gottes, in der alles Elend seiner Tage keine Bedeutung mehr hat.

Diesen Traum bezahlte King mit seinem Leben, wie viele Zeugen Jesu vor und nach ihm auch.

Der unerschütterliche Glaube an eine hoffnungsvolle Zukunft hat durch Jesu Rettungstat auf der Müllkippe Jerusalems ein Feuer entfacht, dass weiterbrennt und nicht ausgelöscht werden wird.

Unsere Zukunft ist nur bei Jesus!

Amen

„Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, will eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren!“

Amen

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