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Die Ankündigung der Verherrlichung - Prädikant Dr. Wolfgang Wörner, Sinn

Joh 12, 20-24

Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest.

Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen.

Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen's Jesus.

Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

 

Man kann nicht vorsichtig genug sein bei der Wahl der Geburtstagsgeschenke für die eigenen Kinder. Alles, was Krach macht führt über kurz oder lang zu einer unerträglichen Strapaze der elterlichen Nerven, Sportgeräte bergen bisweilen erhebliche Unfallgefahren und Tiere verursachen einen immerwährenden Familienkrach, da der Stall oder das Gehege trotz feierlichster Versprechungen kaum jemals durch den kindlichen Eigentümer gereinigt wird. Buchgeschenke dagegen erscheinen absolut unproblematisch und werden an sich immer gerne gesehen. Allerdings steckt hier der Teufel im Detail. Irgendwann jemand meinem kleinen Sohn das sehr schöne, witzige und anregende Buch von Janosch „O wie schön ist Panama“ zukommen lassen. Natürlich wollte er das Werk gleich vorgelesen bekommen und damit begann das Elend. Jeden Abend vor dem Schlafengehen gab es von nun an ein Stück aus Panama. Tagaus, tagein. Gefühlt über eine halbe Ewigkeit hinweg. Immer das Gleiche. Man hätte mir auch eine chinesische Ausgabe vorlegen können, es wäre egal gewesen, denn irgendwann konnte ich den Text auswendig. Gähnende Langeweile bei mir, ungebrochene Begeisterung bei dem lieben Christian.

 

 

 

Die meisten Eltern werden so etwas kennen: Das Bücherregal quillt über, aber die lieben Kleinen wollen immer wieder nur ein und dasselbe Buch lesen. Aber warum ist das so? Haben Sie sich das nicht auch schon einmal gefragt? Warum langweilen sich Kinder eigentlich nicht, wenn sie immer und immer wieder ein und dieselbe Geschichte hören?

Nun, solche Wiederholungen geben Kindern einfach Sicherheit. Eine feste Routine, die uns Erwachsenen häufig dumpf und stupide vorkommt, für Kinder ist diese Gleichförmigkeit ungemein wichtig. Im Gegensatz zu uns erleben Kinder jeden Tag eine Fülle neuer Eindrücke und machen permanent neue Erfahrungen. Es ist logisch, dass so etwas anstrengend ist. Wiederholungen und das schon längst Bekannte wirken hier ausgleichend und geben dem Kind Sicherheit in einer Welt, die ansonsten sehr unübersichtlich ist.

Auch als Erwachsene sehnen wir uns natürlich nach Sicherheit. Einschneidende Erlebnisse, abrupte Ereignisse, Dinge, die wir nicht voraussehen und schon gar nicht beeinflussen können, stören diese Sicherheit und produzieren Angst. Wir unterscheiden uns übrigens dabei gar nicht so sehr von unseren Kindern. Natürlich wird uns eine Abweichung vom gewohnten Tagesablauf in aller Regel nicht gleich aus der Fassung bringen. Doch zugleich lieben wir alle auch unsere gewohnten Riten im Alltag, auch wenn bei Lichte besehen eigentlich langweilig sind: Der ewig gleiche Ablauf morgens nach dem Aufstehen, die Tasse Kaffee zur jeden Tag zur gleichen Zeit im Büro, die gewohnte Fernsehsendung jeden Freitagabend, der Urlaub immer am selben Ort im selben Hotel, vielleicht sogar immer im selben Zimmer. Ein gutes Beispiel für Sicherheit durch längst bekannte Abläufe ist auch der gute, alte Sonntagsmorgengottesdienst. Gerade die vertraute Liturgie ist es, was viele Menschen so schätzen. So schön und belebend wie es ist, wenn es einmal einen „besonderen“ Gottesdienst gegeben hat – am nächsten Sonntag möchte man gerne wieder die gewohnte Form haben.   

 

Auch die Jünger Jesu hatten sich offensichtlich ganz gut eingerichtet. Mit Jesus von Nazareth hatten sie die Bestimmung ihres Lebens gefunden. Er hatte ihnen Sicherheit gegeben, ihm waren sie bereitwillig gefolgt. Natürlich war es nicht immer leicht gewesen mit ihm. Manches Mal wussten sie morgens noch nicht, wo sie abends unterkommen würden und manchmal wurden sie sogar angefeindet und weggejagt. Auch Jesus selbst ist nicht immer nur lieb und freundlich gewesen. Aber mit ihm und durch ihn hatte ihr Leben einen ganz neuen Sinn bekommen, er hatte sie so viele faszinierende Dinge gelehrt, sie waren stolz darauf, gemeinsam mit ihm die frohe Botschaft weitertragen zu können. Zwar hatte Jesus immer wieder vom Reich Gottes gesprochen, doch was das in letzter Konsequenz für sie und ihn bedeuten würde, das hatten sie nicht wirklich verstanden. Ich glaube sogar, im Grunde ihres Herzens haben die Jünger gedacht, eigentlich könnte dieses Herumziehen mit Jesus immer so weitergehen.

 

Dann aber wird diese schöne Leben und die Geborgenheit bei Jesus plötzlich und unerwartet gestört. Etwas eigentlich Undenkbares geschieht: Jesus erzählt seinen Jüngern, dass er sie verlassen muss. Ja noch schlimmer: Jesus versucht die Jünger darauf vorzubereiten, dass er in ganz kurzer Zeit von seinen Feinden ergriffen und hingerichtet werden wird. Mit dieser grausamen Erkenntnis bricht für die Jünger von jetzt auf gleich eine Welt zusammen. Ihr Herr und Meister wird sterben! All ihre Hoffnungen, alles worauf sie gesetzt haben, ist damit weg. Sie sind vollkommen verzweifelt. Was soll nur aus ihnen werden?

 

Der Tod eines geliebten und vertrauten Menschen ist zweifelsohne eine der schlimmsten und furchtbarsten Erfahrungen, die wir im Leben überhaupt machen können. Das Wissen darum, dass sich mit diesem Tode aber auch das eigene Leben komplett verändern wird, macht alles nur noch viel bedrückender. Eine noch tiefer gehende Erschütterung lässt sich nur schwer vorstellen. Kein Wunder, dass die Jünger Angst haben.

 

Ob uns das immer gefällt oder nicht: Wir wissen natürlich, dass Veränderungen im Leben sein müssen, auch Veränderungen, die unangenehm sind und solche, die wir eigentlich lieber vermeiden würden. So haben mich meine Eltern schon im ersten Schuljahr darauf vorbereitet, dass ich nach vier Jahren auf eine andere Schule gehen müsste – auf welche auch immer. Ich wollte das nicht, in der Grundschule hatte ich mich pudelwohl gefühlt, so hätte es von mir aus gut und gerne bleiben können. Ich weiß noch, wie ich nach jedem abgelaufenen Schuljahr versucht habe, mir selbst Mut zu machen, denn es waren ja immerhin noch drei Jahre, noch zwei Jahre, noch ein Jahr. Alles das hat am Ende nichts geholfen. Nach vier Jahren war die Grundschule unweigerlich zu Ende, es begann etwas Neues und es war gut so, denn es hatte einen Sinn.

 

Welchen Sinn aber sollte wohl der grausame Tod von Jesus haben? Diese Frage haben die Jünger sich zwangsläufig gestellt und diese Frage belastet uns tatsächlich noch heute. Viele Menschen verstehen das einfach nicht mehr. Und es ist auch schwer zu verstehen. Sogar viele Theologen sagen heute, wir müssten uns wegkommen von dieser blutigen, „schwarzen“ Theologie eines Sühnetodes. Allein die Vorstellung, dass ein anderer Mensch für meine eigenen Verfehlungen in den Tod gegangen sein sollte, ist heutzutage vielen unangenehm.  

 

Jesus selbst wiederspricht dem aus tiefstem Herzen. Sein Tod musste sein! Jesus hat das an einem gut verständlichen Beispiel aus dem Alltag erklärt. „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Jesus spricht damit von nichts anderem als sich selbst. Wir haben damit eine gute Erklärung, die zunächst ohne den Sühnetod auskommt. Was er uns sagen will, ist dies: Genauso, wie ein Getreidekorn als solches in der Erde „erstirbt“, damit aus ihm viele neue Getreidekörner entstehen können, verhält es sich auch mit seinem Tod. Dieser Tod war unbedingt notwendig, damit durch die Auferstehung der Glaube wachsen und die gute Botschaft sich fruchtbringend über die ganze Welt ausbreiten konnte.   

Durch diesen Kreuzestod hat Jesus reiche Frucht für uns und die ganze Menschheit gebracht, viel größere Frucht als vorher in seinem irdischen Leben mit Predigten und Wundern. Und damit hat er uns zugleich auch etwas direkt für unser Leben gezeigt. Jesus ist für uns am Kreuz gestorben. Er hat uns einen unermesslichen Dienst geleistet, indem er jedem von uns ein persönliches Leben gegeben hat, das einen Sinn hat, ein Leben, das wir selbst gestalten dürfen und sollen.

Veränderungen, Verluste und Herausforderungen erleben wir alle. Wir haben es aber selbst in der Hand, unser Leben sinnvoll zu füllen. Erlauben wir uns also, glücklich und erfüllt zu sein, indem wir Jesu Dienst an uns annehmen und ihm einen Platz geben in und bei uns. Lassen wir uns von unseren Mitmenschen beschenken durch Freundschaften, Zuneigung und Gefühlen. Leben wir jeden neuen Tag bewusst. Lieben wir und nehmen uns Zeit für Kinder, für Familie, für Fremde und für uns selbst. Geben wir etwas zurück von dem, was wir selbst empfangen haben. Wagen wir ruhig etwas, denn wir haben das feste Vertrauen auf Gott. Ich bin sicher, wenn wir unser Leben auf diese Weise als erfüllt und sinnhaft erleben, dann erhalten wir nicht zuletzt auch ausreichend Kraft und Mut, um uns den Veränderungen des Lebens zu stellen. Amen.

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