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Jublilate - Pfarrerin Cornelia Wesseling-Mangold

„Ist Jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“

        2. Kor 5,17

 

Mit dem Wochenspruch grüße ich Sie, liebe Gemeinde,  herzlich am heutigen Sonntag Jubilate.

Und um das Jubeln und Danken trotz bzw. gerade in schweren Zeiten geht es auch in unserem Predigttext in der Apostelgeschichte.

Apg. 16,23-34

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen

 

Liebe Gemeinde,

Bevor ich zum Predigttext selbst komme, will ich kurz die Vorgeschichte dazu erzählen:

Der Apostel Paulus befindet sich in Mazedonien, unterwegs auf einer seiner Missionsreisen im Dienste der Verkündigung des Evangeliums. Begleitet wird er diesmal von Silas. Überall, wo sie hinkommen, predigen sie, stärken sie die neuen Christen im Glauben und gewinnen sie manchen anderen Zuhörer für den neuen Glauben.

 

In Philippi folgt ihnen auf Schritt und Tritt eine Magd, von der es in der Bibel heißt, dass sie von einem Wahrsagegeist geplagt würde. Sie scheint also hellseherische Fähigkeiten zu besitzen, die sich wiederum ihre Herren zunutze machen und nicht schlecht daran verdienen.

Wie es der Frau selbst damit geht, Dinge vorher zu sehen, die anderer Leute Leben betreffen und sich ständig in anderer Leute Leben einmischen und einfühlen zu müssen, interessiert niemanden.

Die  Frau schreit ständig und überall, wo Paulus und Silas erscheinen: „Diese Menschen  sind Knechte des allerhöchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkündigen.“

 

Eigentlich kostenlose PR-Arbeit für Paulus und Silas und ihre Sache. Denn schließlich ist die Frau ja bekannt und man weiß, dass sie oft Wahres sieht und voraussagt, das anderen noch verborgen ist.

Aber Paulus ist an solcher Reklame und Publicity nicht gelegen. Glaube muss von Herzen kommen und nicht aus  Sensationslust.

Zudem tut ihm die Frau leid, denn sie ist ja gewissermaßen gefangen, besetzt von diesem „Wahrsagegeist“. Er bestimmt ihr Leben. Ihre Herren profitieren davon und sie?!

Sie hat keinen Frieden, keine Ruhe, ist diesem Geist und ihren Herren ausgeliefert. Wenn sie etwas vorhersieht, muss sie es sagen und oft genug wird sie unter dem, was sie da gesehen hat, gelitten haben,…

Paulus gebietet dem Wahrsagegeist im Namen Jesu auszufahren und befreit die Frau von ihm.

 

Ihre Herren sind empört. Eine lukrative Einnahmequelle ist ihnen genommen worden. Sie verklagen Paulus und Silas vor den Stadtrichtern und beschuldigen sie des jüdischen Glaubens und Aufruhrs.

Paulus und Silas werden daraufhin ohne Gerichtsverhandlung ausgepeitscht und eingekerkert.

 

Apg 16,23-34

„Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.

25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie.

26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so dass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von allen fielen die Fesseln ab.

27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.

28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!

29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. 30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?

31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! 32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.

 

33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen

34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.“

Liebe Gemeinde,

Aus gutem Grund habe ich die  Vorgeschichte unseres Predigttextes so ausführlich erzählt. Denn beide Berichte haben wichtige Gemeinsamkeiten. Beide Male geht es um Unterdrückung und Befreiung.

 

Paulus und Silas werden zwar um ihres jüdischen Glaubens willen verhaftet – damals konnte man noch nicht überall zwischen Juden und Christen unterscheiden -, aber in Wahrheit wurden sie ja nicht deshalb verklagt.

 

Aber schon damals war es ein Leichtes, unbequeme Menschen aus dem Weg zu räumen, indem man sie als Juden verklagte. Und damals wie heute gab es genug Menschen, die sich – ohne eigentlich zu wissen, was Judentum bedeutet – davon aufhetzen ließen.

 

Keiner wagt es, sich öffentlich auf ihre Seite zu stellen. Zu groß ist die Übermacht, die dagegen steht.

 

Und so werden sie ausgepeitscht und eingekerkert, ohne eigentlich etwas Schlimmes getan zu haben.

Paulus und Silas werden sogar besonders hart behandelt. Dem Kerkermeister wird ausdrücklich befohlen, sie gut zu bewachen. An sich ein überflüssiger Befehl, denn zum Bewachen der Gefangenen ist er ja da.

So muss er also denken, die beiden seien besonders gefährliche Verbrecher oder zumindest schon so gut wie verurteilt. Er wirft sie ins innerste Gefängnis, dahin, wo die Luft am schlechtesten ist, wo es kein Tageslicht gibt und schließt sie trotz ihrer Verwundungen in den Stock, so dass sie sich nicht einmal mehr frei bewegen können.

 

So manch einer, der unter Corona-Verdacht unter  häusliche oder stationäre Quarantäne gestellt wurde und keinen Schritt mehr vor die Tür tun darf, kann erahnen, welche Schmerzen und Ängste die beiden ausgestanden haben.

Doch Paulus und Silas geben sich weder ihren Schmerzen noch ihren Ängsten und Sorgen oder gar der Wut oder Resignation hin.

Um Mitternacht beginnen sie trotz ihrer aussichtslosen Lage und trotz ihrer Schmerzen laut zu beten und Gott zu loben. Sie tun das, weil sie es immer um diese Zeit tun. Das Lob Gottes gehört zu ihrem Tagesablauf dazu. Damit beschließen sie ihren Tag, denn jeden Tag gibt es Grund, Gott zu loben. Und so tun sie es auch an diesem Tag, an dem Gott immerhin eine Frau aus langjähriger Knechtschaft durch diesen Wahrsagegeist und die Ausbeutung ihrer Herren befreit hat.

 

Paulus und Silas beten nicht leise, sondern laut, so laut, dass es ihre Mitgefangenen hören können. Das war wohl das erste Mal, dass sie solche Töne im Gefängnis gehört haben. Jammern und Wehklagen, Anklagen und wütendes Gebrüll, das waren sie gewohnt. Aber Loben und Beten, das ließ sie aufhorchen und vielleicht hat es sie auch ermutigt und getröstet – so wie damals, als Dietrich Bonhoeffer im SS-Gefängnis gebetet und Gott gepriesen hat und viele seiner Mitgefangenen ihm dafür dankbar waren!

Doch damit nicht genug.

 

Noch ein anderer soll an diesem Abend zum Aufhorchen gebracht werden: der Kerkermeister. Denn in dieser Nacht geht es in erster Linie um seine Befreiung!

Denn obwohl er der Oberaufseher über alle Gefangenen in seinem Gefängnis ist, ist er selbst doch auch gefangen, gefangen im Gefängnis seiner Angst vor der Macht seiner Vorgesetzten bzw. des Drucks, den sie auf ihn ausüben.

Viele, die in verantwortlicher Position in unserer Zeit tätig sind, kennen diese Angst und den unbarmherzigen Druck, dem sie selbst ausgesetzt sind, und den sie oft genauso unbarmherzig nach unten weitergeben – müssen?!, um ihre Macht nicht zu verlieren. Und zugleich erleben wir momentan, wie von einem Tag auf den anderen weltweit das Diktat des „immer schneller, immer mehr, immer erreichbar, immer alles im Überfluss...“ nicht mehr gilt und die Welt gleichsam den Atem anhält und die Chance erhält, auszuprobieren, wie es ist, mit weniger Geld, weniger Gewinn, weniger Arbeit und weniger Druck zu leben und dafür aber mehr Zeit füreinander in der Familie und mit einer Freundin oder einem Freund, zum Lesen und Nachdenken, ....

 

Wie stark der Kerkermeister in seiner Angst gefangen ist, wird erst deutlich, als das Erdbeben geschieht und sich auf wunderbare Weise  Riegel und Türen auftun.

 

Er muss annehmen,  dass sämtliche Gefangenen entflohen sind und will sich aus lauter Angst vor seinen Vorgesetzten lieber das Leben nehmen, als ihnen gegenüber zu treten und zu dem zu stehen, was geschehen ist.

Natürlich hatte er das Erdbeben nicht verschuldet. Natürlich konnte er nichts dafür, dass er seinen Plan nicht einhalten, sein  Soll nicht erfüllen konnte, dass nicht alles so gelaufen war, wie es seine Vorgesetzten gewünscht hatten.

Aber wer würde ihm glauben?

Wen würden die Gründe überhaupt interessieren?

Wer würde danach fragen, dass er auch einmal Zeit zum Ausruhen und Schlafen brauchte, dass er nicht Tag und Nacht nur für seine Arbeit da sein konnte?

 

Und so will er sich in seiner Verzweiflung lieber umbringen, als der sicheren Entlassung und allen damit einhergehenden Demütigungen entgegenzusehen.

 

Paulus und Silas sind frei genug, um trotz ihrer eigenen nach wie vor bedrohlichen Situation noch offene Augen für die Not des Kerkermeisters zu haben. Sie rufen ihm zu:

„Tu dir nichts Übles; denn wir sind alle hier.“

 

Dieser Satz bringt den entsetzten Gefängnisaufseher zum Aufhorchen.

Er spürt: Diese Menschen sind frei, trotz Fesseln und Bedrohung. Sie haben eine Kraft, die es ihnen möglich macht, anders mit ihrer Angst umzugehen, ja die Angst in den Hintergrund zu stellen und anderem den ersten Platz in ihrem Leben einzuräumen.

Und plötzlich verspürt der Aufseher eine ungeheure Sehnsucht nach dieser Kraft. Er will auch frei werden von seiner Angst, um wirklich Mensch sein zu können.

 

Er spürt, dass sein bisheriges Leben eigentlich immer ein Leben war, das er unter der Herrschaft anderer geführt hat, anderer, die ihm zwar ein sicheres Auskommen geben, aber auf Kosten seiner Freiheit und oft genug zu Lasten seines Gewissens und Herzens.

Er fragt Paulus und Silas:

 „Was soll ich tun, dass ich gerettet werde?“

 

Liebe Gemeinde, Paulus und Silas sind keine Revolutionäre oder Klassenkämpfer. Sie raten ihm nicht: Gib deinen Beruf auf oder verlasse diese Stadt oder klink dich aus diesem System aus.

Sie raten ihm nur: Glaube an den Herrn Jesus. Und dann fangen sie an, ihm von Gott und Jesus zu erzählen.

 

 

Und er wird gläubig und frei von allem falschen und schädlichen Druck und Angst. Er hat jetzt die innere Freiheit, die beiden  Gefangenen zu versorgen, ihre Wunden zu waschen, sie zu verbinden, ihnen Essen und Trinken zu geben und mit ihnen zu feiern.

 

Er hat jetzt die innere Freiheit, sein Amt auszuüben und dennoch seinem Gewissen zu folgen und Unrecht zu mildern, auch in Gefangenen die Menschen zu sehen, ihre Not wahrzunehmen und ihnen zu helfen.

 

Liebe Gemeinde,

ein Zweifaches lasst uns aus dieser Geschichte mit in den Tag und in die neue Woche nehmen:

 

Von mancherlei Druck und Angst ist heute berichtet worden, unter dem Menschen durch das System, durch ihre Vorgesetzten oder durch eigene oder fremde Erwartungen oder durch andere Umstände stehen können.

Solcher Druck kann Menschen einengen und einschnüren, ihnen quasi die Luft zum Atmen nehmen oder die Freude am Leben.

Er kann uns die Augen vor der Not anderer verschließen und zu Komplizen der Ungerechtigkeit und Unterdrückung machen. Und er kann uns blind machen gegenüber all dem Guten und Wunderbaren, das uns jeden Tag begegnet.

 

Paulus und Silas durchbrechen diesen Teufelskreis durch zwei Dinge:

  1. Sie machen selbst nicht mit. Stattdessen schauen sie auf Gottes große Taten in ihrem Leben und beginnen, ihn zu loben und zu beten. Damit verliert die Angst ihre Macht über sie, weil sie sich im Loben und Danken erinnern, was Gott schon Großes in ihrem Leben getan hat.
  1. Zum anderen haben sie dadurch genug Freiheit und Freiraum, um trotz eigener Schwierigkeiten und Ängste froh und dankbar zu sein und noch die Not eines anderen zu sehen und ihm zu helfen.

 

Anders als bei der Magd, helfen sie dem Kerkermeister durch ihr Bleiben. Du bist nicht allein, auch wenn du meinst, allein gegen alle bzw. gegen die Über-mächtigen zu stehen.

Wir sind bei dir. Und unausgesprochen schwingt mit: Der, den wir loben und preisen ist auch mit hier.

 

Uns allen wünsche ich beides: dass wir heute am Sonntag und morgen, wenn wieder der Alltag und so manche Sorgen nach uns greifen, offene Augen für die großen, barmherzigen Taten Gottes in unserem Leben haben und loben und beten können, es vielleicht wieder neu lernen.

Ich wünsche uns, dass wir frei werden, zu bleiben, wo wir gebraucht werden und andere in ihrer Not nicht  zu übersehen und allein zu lassen und keine Angst zu haben vor Corona und dem was es an Konsequenzen für uns und unser Land und unsere Welt mit sich bringt, weil auch wir nicht allein sind.

Wir sind und wir bleiben in Gottes Hand, der Gott, der zu uns sagt: „Fürchte dich nicht;  ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn.

 

Ich wünsche ihnen allen einen gesegneten Sonntag und eine gute und gesegnete Woche,

                         Ihre Cornelia Wesseling-Mangold, Pfrin

 

 

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